Gedanken

Eineiige Zwillinge

Es waren einmal zwei Kinder, ein Zwillingspaar. Unzertrennlich. Eins im Wesen, im Willen – und in der Schuld. Sie taten Dinge, die unaussprechlich waren, schauten weg, gehorchten, halfen mit. Als alles in Trümmern lag, kam die Trennung als Konsequenz für ihre Taten.

Der eine wurde westwärts gegeben. Dort lernte er zu wählen, zu kaufen und zu träumen. Man zeigte ihm glänzende Fassaden und sagte: „Das ist Freiheit.“ Er wurde stark, schön, stolz – und selbstgefällig.

Der andere kam in östliche Obhut. Man band ihm die Zunge, verschloss ihm die Türen, malte ihm die Welt in Schwarzweiß. Er durfte nicht reisen, nicht entscheiden, nicht sein. Doch tief in ihm blieb ein Funken wach. Und eines Tages, nach vielen Jahren, brach er aus, barfuß, zitternd, aber lebendig.

Der erste Zwilling empfing ihn mit offenen Armen. Er nahm ihm, was noch übrig war, wusch ihn, kleidete ihn neu ein. „So sieht man heute aus“, sagte er. Und dann zeigte er ihm sein Paradies. Aber er hörte nicht zu, wenn der andere von seinem Weg erzählte, von der Kraft, die es brauchte, zu überleben. Er fragte nicht nach seinen Gedanken, seinen Ideen für ein neues Morgen. Er sah die Narben – aber wollte nichts über sie wissen. Und er schaute auf ihn herab, als sei er weniger.

Der zweite Zwilling schwieg. Er hatte nicht gelernt, so zu reden. In ihm brannte der Ruf nach einer besseren Welt. Doch der Glanz der vielen neuen Sachen verschleierte seinen Blick und so vergaß er, weiter nachzudenken.

Und heute?

Heute fragt der erste Zwilling, warum der andere sich abwendet, warum er rauer spricht, warum er sich verschließt oder mit Menschen einlässt, die er selbst verachtet – Menschen, die die gleichen Fehler wiederholen könnten, die sie damals begangen haben. Er fragt – aber hört nicht zu. Denn tief in ihm glaubt er noch immer, dass sein Weg der einzige ist, der zählt.

Und der zweite Zwilling? Er steht da, aufrecht, mit Narben auf der Haut und einem Feuer in der Brust. Er bittet nicht um Mitleid. Er verlangt kein Lob. Nur eins: Dass man ihm respektvoll zuhört und bereit ist für Veränderungen.

Autor: Yvonne Brückner, veröffentlicht 2025

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